Die Erwartungen übertroffen

Die Bilanz des Winters 2016/2017   

 

Heute vor einer Woche endete eine Weltcup-Saison, in der das Nordic Paraski Team Deutschland mächtig aufgetrumpft hat. In Abwesenheit der gesperrten russischen Athleten, die in den vergangenen Jahren das Maß aller Dinge gewesen waren, nutzten die deutschen Biathleten und Langläufer mit Behinderung ihre Chance und sammelten fleißig WM-Titel und Weltcup-Siege.

Ein Indiz, dass es im kommenden Winter und vor allem bei den Paralympics in Pyeongchang genauso laufen wird? „Vielleicht, aber nicht zwingend“, sagt der Bundestrainer Ralf Rombach. Der Erfolg hinge von zu vielen Faktoren ab, nicht nur davon, ob das russische Team dann wieder startberechtigt ist, sondern auch von den Schnee- und Loipenbedingungen auf den technisch äußerst anspruchsvollen Strecken in Südkorea.

Die Athleten werden sich auf dem Skilaufband entsprechend darauf vorbereiten – freilich erst nach einer kleinen Pause, die sie sich redlich verdient haben. Ein Fazit nach vier harten Monaten.

 

Martin Fleig

Der Gundelfinger startet in Vuokatti mit Bronze und Silber in die Saison und feilt eifrig an seiner Wettkampfhärte. Ziel: die Heim-WM in Finsterau. Auf dem Weg dorthin wirft ihn selbst eine hartnäckige Erkältung vor und während des zweiten Weltcups in der Ukraine nicht aus der Bahn. Bei der WM holt der 27-Jährige zweimal Gold und zweimal Bronze und schnürt in Sapporo mit dem Gewinn des Gesamtweltcups eine hübsche Schleife um den Winter. „Willen, Selbstbewusstsein und Kampfgeist“ nennt Ralf Rombach als Fleigs zentrale Tugenden. „Was er gezeigt hat, war richtig gut.“  

 

Anja Wicker

Paralympicssiegerin war sie schon, eine Kristallkugel für den Gesamtweltcup nannte sie auch schon ihr Eigen. Nur ein WM-Titel hat der Stuttgarterin noch gefehlt – bis zum 14. Februar. Da gewinnt Wicker dank starker Schießleistung im Biathlon über die Langdistanz. „Anja hat zum Saisonhöhepunkt die besten Leistungen gezeigt“, lobt der Bundestrainer. Doch die 25-Jährige, die aufgrund ihrer Behinderung wie keine Zweite vom Zustand des Schnees und dem Profil der Strecken abhängig ist, ist auch die konstanteste Biathletin des Winters – und belohnt sich mit ihrer zweiten Kristallkugel.

 

Andrea Eskau

Als erneut frisch gekürte Paralympicssiegerin von Rio de Janeiro steigt Andrea Eskau verspätet in den Winter ein, dafür aber umso gewaltiger. Im Western Center (Ukraine) gewinnt sie fünf von sechs Rennen, wobei sich dort die Abwesenheit von Superstar Oksana Masters (USA) bemerkbar macht. Bei der WM und dem Paralympics-Testevent von Pyeongchang hadert Eskau mit ihren Schießleistungen. „Aber die Probleme dort waren einkalkuliert, weil sie im Sommer wegen Rio nicht trainieren konnte“, sagt Ralf Rombach. Am Ende wird die Elsdorferin zweimal Zweite im Gesamtweltcup.  

 

Clara Klug (mit Guides Martin Härtl und Florian Grimm):

Die Münchnerin startet durch. „Sie hat von allen Athleten den größten Sprung gemacht“, lobt der Bundestrainer. Ihre Bronze-Medaille im ersten Rennen der Saison, dem Klassik-Sprint von Vuokatti, gibt die Richtung vor, beim Biathlon über die Langdistanz legt sie gleich nach. Bei der WM peilt sie einen Podestplatz (bzw. einen Filu, das Stofftier-Maskottchen für Medaillengewinner) an und schnappt sich drei (2x Silber, 1x Bronze). Ihr erster Weltcup-Sieg folgt in Pyeongchang – dies alles, obwohl eine langwierige Verletzung ihres Trainers Martin Härtl das Sommertraining massiv erschwert hatte.

 

Nico Messinger (mit Guides Lutz Klausmann und Christian Winker)

Der Winter beginnt nach einem intensiven Trainingslager in Norwegen vielversprechend. Im Prolog des Klassik-Sprints von Vuokatti wird er Sechster und verpasst das Halbfinale anschließend nur knapp. Auch zum Auftakt der Biathlon-Wettbewerbe lässt er als Siebter mehrere Topstarter hinter sich. Doch dann bremsen den Freiburger immer wieder Erkältungen aus. „Das hat ihn leider aus der Bahn geworfen“, sagt der Bundestrainer. So starke Leistungen wie zu Beginn kann der 22-Jährige nicht mehr liefern. Motto nun: Abhaken, Kopf frei kriegen, neu angreifen.  

   

Vivian Hösch (mit Guide Florian Schillinger)

Abhaken, neu angreifen – das gilt auch für Vivian Hösch. Die Freiburgerin kommt 2016/2017 nie richtig in Schwung, was vor allem an den äußeren Umständen liegt. In Vuokatti steigert sie sich zunächst von Rennen zu Rennen, doch zu Beginn des neuen Jahres bremsen sie Schmerzen im Knie und in der Hüfte aus. Eine verschleppte Erkältung tut ihr Übriges. Die Heim-WM muss sie auslassen und beendet die Saison vorzeitig, um neue Kräfte fürs Paralympics-Jahr zu sammeln. „Wir sind motiviert, den kommenden Saison voller Einsatz anzugehen“, sagt ihr Begleitläufer Florian Schillinger.

 

Steffen Lehmker

Der Bad Bevenser nimmt wegen der Doppelbelastung durch sein Studium nur am Auftakt-Weltcup in Finnland und an der Heim-WM teil. Und muss er zu Beginn seiner erst zweiten Saison auch noch seiner mangelnden Erfahrung Tribut zollen, so gelingt ihm in Finsterau doch gleich im ersten Rennen, dem Biathlon über die Mitteldistanz, sein persönliches Wunschergebnis. Er läuft auf Platz acht und knackt damit die angepeilte B-Kader-Norm. „Steffen braucht natürlich noch mehr Wettkämpfe, aber er entwickelt sich gut“, sagt Ralf Rombach über den 28-Jährigen. 

 

Marco Maier:

Für den Youngster ist die Saison zu Ende, bevor sie begonnen hat. Nach einer kurzfristig anberaumten Routine-Untersuchung der Klassifizierungsgremien in Vuokatti entzieht ihm das Internationale Paralympische Komitee wegen angeblich veränderter Rahmenbedingungen die Starterlaubnis – eine Entscheidung, mit der das deutsche Team nicht einverstanden ist. Es legt sofort Protest ein, doch die medizinischen Belege lassen auf sich warten. Zurzeit läuft eine sportwissenschaftliche Untersuchung an der Uni Freiburg. Maier muss sich weiter gedulden. (ben)

 

Fotos: Ralf Kuckuck / DBS-Akademie (7), Luc Percival