Ein später zweiter Frühling

Alexander Ehler war auf dem Sprung zu den Olympischen Spielen 1992 in Albertville. Dann hatte er einen Motorradunfall. Mit 48 Jahren könnte sich der Emmendinger jetzt den alten Traum erfüllen.      

 

Michael Huhn, der Trainer des deutschen Nachwuchses im Para Skilanglauf und Para Biathlon, war skeptisch, als ihm Alexander Ehler im Nordic-Center Notschrei im Schwarzwald entgegentrat. Ob er einmal mittrainieren könne, fragte Ehler. Ein Jahr ist das jetzt her. Da war Ehler 47 – kein Alter, in dem man von Menschen noch sportliche Höchstleistungen erwarten darf.Huhn aber musste seine Vorbehalte bald begraben. Sein Schützling bringt alles mit, um sich im Weltcup-Zirkus des Internationalen Paralympischen Komitees auf Anhieb vorne einzuordnen, auch wenn viele Kontrahenten seine Kinder sein könnten.

Es scheint, als liege ihm Biathlon im Blut. Ende der 80er Jahre, als er noch in seiner Heimat Kasachstan lebte, sagten ihm seine Trainer eine glänzende Zukunft voraus. Ehler, der aus Leninogorsk (heute Ridder) im Osten des Landes stammt, zählte zum Nationalkader und war auf dem besten Weg zu den Olympischen Spielen in Albertville 1992, als ein Motorradunfall seine Karriere jäh beendete. Er lag mit mehreren Knochenbrüchen im Krankenhaus, dann kam es einer Infektion. Die Ärzte mussten einen Teil seines linken Beines amputieren, es ist knapp neun Zentimeter kürzer als das rechte.

"Eine Bereicherung fürs Team"

Behindertensport war zu dem Zeitpunkt in Kasachstan ein Fremdwort. „Das gab es schlichtweg nicht“, erinnert sich Ehler, der sich von seiner Leidenschaft verabschiedete – erst recht, nachdem seine beiden Töchter Olga und Alexandra zur Welt gekommen waren.Im Jahr 2000 zog die Familie nach Deutschland und ließ sich in Emmendingen nieder. Die Töchter haben die sportliche Begeisterung ihres Vaters geerbt. Beide widmeten sich dem Fechten und nahmen als Juniorinnen an Weltmeisterschaften teil, Alexandra wurde 2015 mit dem deutschen Nachwuchs Mannschafts-Europameisterin im Damendegen.

Auch der Papa griff zur Waffe, er hat Olga und Alexandra lange trainiert – und sich so offenbar selbst fit gehalten. „Ich kenne niemanden, der in seinem Alter noch so ein Niveau hat“, sagt Michael Huhn. Und das ist nicht das einzige Lob des Nachwuchs-Bundestrainers. Alexander Ehler ist technisch versiert, im Freistil wie im klassischen Stil, er ist ein guter und schneller Schütze, kurzum: „Er ist ein Allrounder.“

Davon profitieren auch seine neuen Mannschaftskameraden des Nordic Para Ski Teams Deutschland, allen voran Steffen Lehmker, der wie Ehler in der stehenden Konkurrenz startet. In den Trainingswettkämpfen der Vorbereitung trieben sich beide gegenseitig an. Doch auch beim Rest des Nationalkaders punktete Ehler mit seiner erfrischenden Mentalität, seiner ruhigen Art und seinem trockenen Humor schnell. „Er ist eine Bereicherung fürs Team“, sagt Michael Huhn. 

Der Schneekönig von Südtirol

Der Cheftrainer Ralf Rombach schließt sich dem an. „Wenn es drauf ankommt, ist Alex‘ Batterie voll.“ Beim Abschlusslehrgang in Livigno Ende November feilte Ehler fleißig am Schießen und spulte täglich 50 bis 60 Kilometer in der Loipe ab. Dabei habe er sich „gefreut wie ein Schneekönig“, berichtet Rombach. Von Samstag an wird sich zeigen, wie viel all das wert war. Dann feiert Ehler in Canmore in der kanadischen Provinz Alberta sein Weltcup-Debüt. „Die Aufregung ist groß. Ich bin gespannt, wie es wird“, sagt er.

Das große Ziel ist die Qualifikation für die Paralympics im März 2018 in Pyeongchang (Südkorea). „Es war immer mein Traum, bei Olympischen Spielen dabei zu sein“, sagt der Mann vom SV Kirchzarten. Zwar sei ihm bewusst, dass ein Jahr Training als Vorbereitung eigentlich zu wenig sei, selbst unter dem „besten Trainer meines Lebens“, wie er Michael Huhn bezeichnet. Aber dennoch: die späte Erfüllung seines Traums scheint zum Greifen nah. (ben)

Foto: Ralf Kuckuck / DBS-Akademie. Alle Termine und Resultate vom Weltcup gibt es auf www.paralympic.org/nordic-skiing/calendar-results.