Heiß auf Sibirien

Im russischen Tyumen starten die Langläufer und Biathleten des Nordic Paraski Teams Deutschland in die neue Weltcup-Saison. Für Spannung sorgt eine Regelmodifikation.  

 

Das Wintersportcenter im russischen Tyumen, genannt „Perle Sibiriens“, ist von kommendem Mittwoch, 2. Dezember, an Schauplatz für die ersten sechs Rennen der neuen Weltcup-Saison. Das Nordic Paraski Team Deutschland ist voraussichtlich mit sechs Athleten am Start. Unter ihnen: eine Titelverteidigerin im Gesamtweltcup. 

Die 23-jährige Anja Wicker sicherte sich im März 2015 im norwegischen Surnadal mit einem fulminanten Schlussspurt die Glaskugel im Biathlon sitzend. „Die Beste einer ganzen Saison zu sein ist das Größte, was eine Sportlerin erreichen kann“, sagte die für den MTV Stuttgart startende Studentin damals. Für Tyumen dämpft Wicker die Erwartungen nun aber. „Mir fehlen einige Schneekilometer, um gut in Form zu sein. Die Konkurrenz ist weiter.“

Es ist ein Problem, das sie im deutschen Team nicht exklusiv hat. Gerade einmal eine knappe gemeinsame Woche Training auf künstlichem Schnee blieb der Mannschaft, während etwa die ohnehin traditionell starken russischen Gastgeber bereits seit Oktober beste Bedingungen genießen. Auch der Bundestrainer Ralf Rombach rechnet angesichts dessen damit, „dass wir etwas Anlauf brauchen werden, um das aufzuholen“.

Seine Schützlinge brennen trotzdem darauf, dass es losgeht. Beispielhaft dafür steht Martin Fleig vom Ring der Körperbehinderten Freiburg. Der 26-Jährige zehrt noch immer vom Selbstbewusstsein, das er sich mit der Bronzemedaille bei den Weltmeisterschaften von Cable im Januar geholt hat. Für Tyumen hat er ein gutes Gefühl. „Das Schießen lief zwar schon mal besser, aber meine Laufform passt“, sagt er.

Auch bei seiner Freiburger Teamkollegin Vivian Hösch ist die Vorfreude groß. Wochenlang hatte sie im Herbst an den Folgen einer Erkrankung geknabbert, in Oberhof platzte der Knoten. „Meine Belastbarkeit ist zurück. Ich kann wieder an meine Leistungsgrenzen gehen“, sagt die 24-Jährige, die an der Seite ihres Guides Florian Schillinger (SV Baiersbronn) ebenfalls Bronze in Cable holte.

Zweite deutsche Starterin bei den Sehbehinderten ist Clara Klug (PSV München), in der Loipe begleitet von ihrem Trainer Martin Härtl (SK Nesselwang). Klug wünscht sich für die neue Saison noch etwas konstantere Leistungen, Härtl bescheinigt der 21-Jährigen eine „rasante Entwicklung“. Das sieht Bundestrainer Rombach ähnlich. „Clara hat erneut einen deutlichen Sprung nach vorne gemacht“, sagt er. „Das dürfte sich in den Wettkämpfen niederschlagen.“

Gleichermaßen soll das für den dritten im Bunde der Sehbehinderten gelten. Der Freiburger Nico Messinger (20, mit Guide Philip Burchartz) hat es in seiner Klasse mit einer der stärksten Konkurrenzen überhaupt zu tun, an die er sich weiter heran robben will. Besonderen Eifer legt er in Tyumen auf die kurzen Biathlon-Strecken und hofft, seine zuletzt viel versprechenden Schießleistungen bestätigen zu können. 

 Neue Regelungen fürs Schießen: Die Scheiben sind jetzt kleiner.

Eine große Unbekannte wird dabei die Regeländerung zur Größe der Schießscheiben sein. Das Internationale Paralympische Komitee (IPC) hat zur neuen Saison den Durchmesser der Scheiben bei den Athleten mit körperlicher Behinderung von 15 auf 13 Millimeter verkleinert, bei den Sehbehinderten sogar von 28 auf 21 Millimeter. „Es wird spannend, wie sich das auf die Wettkämpfe auswirkt“, sagt Rombach.

Bis unmittelbar vor dem Abflug am Sonntag wird der Bundestrainer bei Max Hauch (SK Nesselwang) auf eine Entscheidung warten müssen, ob der 28-Jährige die Reise nach Russland mit antreten kann oder nicht. Hauch fehlte krankheitsbedingt bereits beim Abschlusslehrgang in Oberhof. „Das ist für ihn natürlich ein großer Nachteil“, sagt Rombach. „Aber wenn er gesund ist, fliegt er auch mit.“

Andrea Eskau (USC Magdeburg) lässt den Weltcup wie berichtet aus.  (ben)

 

Fotos: Luc Percival. Ergebnisse zur neuen Saison stehen wie gewohnt im Rennkalender des IPC