Packen für Pyeongchang

Der Lennestädter David Meiworm reist als Physiotherapeut, Waffenreicher und Stimmungskanone mit zur Generalprobe der Paralympics 2018

 

Wenige Augenblicke vor Beginn eines Weltmeisterschaftsrennens bedarf es keiner großen Worte mehr. Allerhöchstens ein flotter Spruch geht über die Lippen von David Meiworm, ein Spruch gegen die Verkrampfung. Der 38-Jährige hat sich im Startbereich des Skistadions von Finsterau hinter dem Schlitten von Andrea Eskau positioniert, massiert der querschnittsgelähmten Langläuferin Schultern und Nacken. Feingefühl ist Trumpf für Meiworm. Er ist ehrenamtlicher Chef-Physiotherapeut des Nordic Paraski Teams Deutschland – und das ist nicht seine einzige Aufgabe.

Der Ausdauersport ist schon immer ein Steckenpferd von David Meiworm gewesen. Als Aktiver spielte er für Rot-Weiß Lennestadt Fußball und beackerte stets die Außenbahn. „Meine Stärken waren Laufen und Flanken“, sagt er. Inzwischen sorgt der dreifache Familienvater dafür, dass andere ihrem Ausdauersport nachgehen können. Ein Jahr lang betreute er zunächst die deutsche Gehörlosen-Fußballnationalmannschaft der Frauen, im Oktober 2010 kam er über seinen Cousin Lars, dem Mannschaftsarzt der deutschen Biathleten und Langläufer mit Behinderung, zu einer neuen Aufgabe, der er seitdem treu geblieben ist.

Mit glitzernd-blauer Sonnenbrille und grell-gelbem Betreuerleibchen überm schwarzen Mannschaftsdress sah man Meiworm zuletzt im Februar durch den Schnee des Bayerischen Waldes stapfen. Die Heim-WM von Finsterau, bei der nationale Athleten 14 Medaillen holten und damit die Erwartungen weit übertrafen, war ein berauschendes Erlebnis für die deutschen Starter und ihren Stab. Das selten bröckelnde Lächeln im Gesicht des Sauerländers stand symbolhaft für die blendende Laune im Team, doch es ist ohnehin sein ständiger Begleiter. So einen wie Meiworm braucht jede eingeschworene Gemeinschaft. Er ist die Stimmungskanone für Schwarz-Rot-Gold.

Freilich: bei seinem physiotherapeutischen Auftrag ist Ernsthaftigkeit gefragt. Die Arbeit ist viel vielschichtiger, als er es aus seinem Alltag gewohnt ist. Die Muskeln der paralympischen Sportler sind einer deutlich höheren Belastung ausgesetzt, ihre Körper müssen mehr kompensieren. Meiworm hat es mit unterschiedlichen Spastiken oder inkompletten Lähmungen zu tun. Zur sportwissenschaftlichen gesellt sich die neurologische Seite. „Es ist hochkomplex“, sagt er. „Gewohnte Schemata von Problem, Symptom und Ursache greifen häufig nicht.“

Um in seine Rolle hineinzuwachsen, begleitete Meiworm in den ersten drei Jahren Andrea Eskau auf Schritt und Tritt – auch auf Skiern. „Sie ist sehr akribisch und hat mich an die Besonderheiten des Sports herangeführt“, sagt er über die sechsfache Paralympicssiegerin aus Elsdorf bei Köln, die bei der WM zuletzt viermal Edelmetall holte. Inzwischen ist er für die 45-Jährige und die anderen Athleten mit Körperbehinderung nicht nur Physiotherapeut, sondern auch Waffenreicher im Biathlon – anders als bei den Nichtbehinderten führen sie ihre Waffen nicht mit, sondern bekommen sie am Schießstand. Der Prozess ist individuell abgestimmt, kein Athlet will unnötige Sekunden liegen lassen.

Bei der WM begann sein Arbeitstag jeden Morgen um sechs und endete gegen 22 Uhr. Meiworm war der Erste beim Frühstück, „um zu sehen, wie jeder drauf ist“, nach den Teambesprechungen am Abend folgten meist noch einige Behandlungen. „Ich brauche nicht viel Schlaf“, sagt er über die eigene Belastung bei Großereignissen.

Das größte aller Großereignisse wartet im kommenden Jahr. Die Paralympischen Winterspiele von Pyeonchang sind seine zweiten nach Sotschi 2014. „Gefühlsmäßig bombastisch“, sei das Erlebnis damals gewesen. „Da kommen Emotionen hoch, mit denen rechnest du vorher gar nicht. Ich bin dankbar, dass ich das miterleben durfte.“

Einen Vorgeschmack auf das, was ihn 2018 erwartet, bekommt er schon demnächst. Zur Generalprobe, dem Weltcup im World Para Nordic Skiing vom 10. bis 15. März, fliegt er mit, um die Abläufe für die medizinische Abteilung in Südkorea in Erfahrung zu bringen. Auf dass die deutschen Athleten in einem Jahr ganz entspannt in den Startbereich einfahren können – so entspannt, wie das bei Paralympics eben möglich ist.

 

Foto: Ralf Kuckuck / DBS-Akademie