Paralympics 2026

Anja Wickers Marathon zu Silber

Die Stuttgarterin besorgt zum Abschluss der Spiele in Tesero die 14. Medaille fürs Team.

Anja Wicker im Ziel mit Physio Alexandra Schade und der Brasilianerin Aline dos Santos Rocha, Foto: Daniel Kopatsch/VOIGT/DBS

Sechs Medaillen hatte Anja Wicker (MTV Stuttgart) bei ihren vier Paralympics-Teilnahmen seit 2014 geholt, alle im Para Biathlon. Am Sonntag gab es die erste im Para Skilanglauf. „Das war der Traum. Die letzten acht Jahre habe ich so hart an meiner Langlauf-Form gearbeitet. Hier jetzt auf dem Podium zu stehen, ist die Krönung“, berichtete Wicker mit glänzenden Augen.

Im Schneeregen von Tesero (Val di Fiemme) war die Deutsche bei den Frauen sitzend von Beginn an auf Medaillenkurs. „Ich habe vom ersten Meter an mein Tempo gefunden und gemerkt: Der Ski läuft und er hat sieben Runden gehalten und meine Arme auch.“ Bis etwa drei Kilometer vor dem Ziel lag Wicker hinter der späteren Siegerin Yunji Kim (Südkorea) und Oksana Masters (USA) auf Rang drei, dann zog sie an der US-Amerikanerin vorbei und hatte am Ende gut 17 Sekunden Vorsprung auf Masters. „Anja hat ein Hammerrennen abgeliefert“, sagte der deutsche Bundestrainer Ralf Rombach.

Weitere deutsche Medaillen kamen am Abschlusstag nicht mehr hinzu. Am nächsten dran war Lennart Volkert, der bei den Männern mit Sehbehinderung Vierter wurde – nur 8,2 Sekunden hinter dem Franzosen Anthony Chalencon auf Bronze (Gold an Adicoff, USA, Silber an Kazik, Ukraine). Für den 22-Jährigen, den kurz vor dem Ziel noch ein Sturz ereilt hatte, war es der dritte vierte Platz in Serie bei diesen Spielen. „Schon scheiße“, sagte er in aller Ehrlichkeit. „Ich wusste am Ende nicht mehr, wo oben und unten ist. Aber es war denke ich trotzdem ein gutes Rennen.“ Kuriosität am Rande: an Volkerts Seite liefen zwei unterschiedliche Guides; erst Nils Kolb, der seine Begleitläufer-Karriere nach den Paralympics beendet, dann Robin Wunderle, der regelkonform für den angeschlagenen Kolb übernahm.

Kathrin Marchand (Skiclub Bayer Leverkusen) wurde bei den Frauen stehend in ihrem ersten Rennen über 20 Kilometer in der freien Technik Zehnte, Marco Maier (SV Kirchzarten) bei den Männern stehend Siebter. Linn Kazmaier (SZ Römerstein, mit Guide Florian Baumann) beendete das Rennen der Frauen mit Sehbehinderung auf dem fünften Platz.

Positive Bilanz trotz vieler Dramen

So endeten die Paralympics 2026 für die Nationalmannschaft Para Ski nordisch mit insgesamt 14 Medaillen. In den individuellen Rennen gewann Anja Wicker zweimal Silber und zweimal Bronze, Marco Maier und Leonie Walter holten jeweils drei Bronze-Medaillen, Sebastian Marburger (SK Wunderthausen) und Linn Kazmaier je eine Silbermedaille und Johanna Recktenwald einmal Bronze. Hinzu kam die Silbermedaille für die offene 4x2,5 Kilometer-Staffel mit Theo Bold (WSV Isny) und seinem Guide Theo Bold, Marburger, Kazmaier und ihrem Guide Baumann sowie Maier.

„Ich bin mit der mannschaftlichen Leistung insgesamt sehr zufrieden, auch wenn vielleicht der Top-Platz der Goldmedaille gefehlt hat. Da war uns einfach das Glück nicht hold“, sagte Ralf Rombach. Eine Rolle haben dabei auch die Krankheitsfälle gespielt, von denen viele im Team betroffen waren und die dazu führten, dass der eine oder die andere zum Saisonhöhepunkt nicht immer die erhoffte Leistung bringen konnte. „Es war nicht leicht, damit umzugehen. Für unsere Pechvögel im Team tut es mir besonders weh.“ Der Bundestrainer bedankte sich ausdrücklich bei seiner medizinischen Abteilung für deren Einsatz, ebenso bei seinen Skitechnikern: „Unsere Techniker haben von Anfang bis zum Schluss gebuckelt. Die waren sich zu nix zu schade. Wir haben so viel getestet wie noch nie.“

In Erinnerung bleiben werden die Paralympics 2026 auch für die vielen kleinen und großen Dramen, die sie erzählt haben: die umstrittene Aberkennung der Silbermedaille von Leonie Walter im Klassik-Sprint aufgrund eines vermeintlichen Fehlverhaltens ihres Guides Christian Krasman beispielsweise. Oder die Ausfälle von Kathrin Marchand und Sebastian Marburger im Langlauf über zehn Kilometer klassisch, die Rombach auch auf die Fehlentscheidung zurückführte, die an diesem Tag besonders aufgeweichte Strecke nicht zu salzen. „Für mich waren es die siebten Spiele und emotional mit die anstrengendsten“, so Rombach.

Kein Wunder, dass sich Rombach nun auf ein paar ruhige Tage zu Hause freut. „Kopf freikriegen“ ist angesagt. „Danach gehen wir in die Analyse und schauen: Was haben wir gut gemacht, wo können wir uns verbessern?“ Es wird nicht lange dauern, und die Planungen für den nächsten Winter werden beginnen.

Zunächst steht am Sonntagabend aber im paralympischen Dorf von Predazzo eine interne Abschlussfeier an. „Wir stoßen heute an und feiern“, kündigte Anja Wicker an, schränkte allerdings sogleich ein: „Irgendjemand anders wird für mich das Glas halten müssen, weil ich so schwere Arme habe. Aber das kriegen wir hin: Wir finden einen Strohhalm.“

Foto: Daniel Kopatsch/VOIGT/DBS

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