Paralympics 2026
Emotionale Medaillen im Einzel
Anja Wicker und Marco Maier laufen in Tesero erneut aufs Podium. Johanna Recktenwald erstmals.
Die deutsche Para Ski-nordisch-Nationalmannschaft surft bei den Paralympics weiter auf der Erfolgswelle. Drei Medaillen hatte es zum Auftakt am Samstag gegeben, drei kamen am Sonntag hinzu. Anja Wicker (MTV Stuttgart) gewann am Vormittag Silber, Marco Maier (SV Kirchzarten) und Johanna Recktenwald (Biathlon-Team Saarland) am Nachmittag jeweils Bronze.
Wicker lieferte sich im Rennen der Frauen sitzend einen packenden Zweikampf um Gold mit der Südkoreanerin Yunji Kim, die im Ziel 12,8 Sekunden Vorsprung hatte. Bronze ging an Kendall Gretsch aus den USA. Dabei war das schießlastige Einzel für die 34-jährige Stuttgarterin alles andere als optimal losgegangen - mit einer Strafminute gleich nach dem ersten Versuch. Danach aber traf sie Stuttgarterin 19-mal ins Ziel und setzte damit die Grundlage für ihre zweite Medaille in Tesero (Val di Fiemme) nach Bronze im Biathlon-Sprint am Samstag und ihre fünfte insgesamt bei Paralympischen Spielen. Ihre Kontrahentin Kim schoss zwar zweimal daneben, war in der Loipe aber die überragende Läuferin des Tages. Gretsch (36 Sekunden hinter Kim) und Oksana Masters (Vierte mit 47,8 Sekunden Rückstand) leisteten sich wie Wicker je einen Fehler.
„Zwei Rennen, zwei Medaillen. Davon träumt man. Ich muss mich kneifen“, sagte Wicker, die nach eigenen Angaben ganz ohne Druck an den Start gegangen war. „Ich hatte mein Ziel schon mit Bronze gestern erreicht und jetzt das i-Tüpfelchen draufgesetzt.“ Über den Schießfehler zu Beginn konnte sie am Ende lachen. „So will ich ein Einzel eigentlich nie, nie, nie beginnen. Aber ich bin stolz, dass ich danach alles getroffen habe, sonst wäre es eng geworden mit dem Podium.“ Und tatsächlich war es nach Angaben des deutschen Schießtrainers Rolf Nuber wohl auch bei den Treffern eng, dass die Scheiben fallen. „Wir brauchen demnächst Baldrian-Tropfen. Mit einem Fehler mehr hätte es nicht gereicht“, sagte der hochzufriedene Bundestrainer Ralf Rombach.
Hinter dem Namen der zweiten deutschen Starterin, Andrea Eskau (USC Magdeburg) tauchte kurz nach dem Zieleinlauf ein DSQ auf. Zunächst Siebte als Einzige im Feld ohne Schießfehler, wurde sie wegen einer versehentlich nicht ordnungsgemäß genommenen Wende disqualifiziert. Videoaufnahmen belegten das. Die 54-Jährige nahm es mit Humor. „Eigentlich war das Rennen super. Aber so ist das halt im Leben. Manchmal hat man kein Glück und manchmal kommt auch noch Pech hinzu“, sagte sie.
Maier widmet Bronze seiner verstorbenen Mutter
Die zweite Medaille im zweiten Rennen nach Bronze im Sprint gab es auch für Marco Maier, der über die 12,5 Kilometer bei den Männern stehend erneut Bronze holte, diesmal hinter dem erneuten Sieger Jiayun Cai (China, 30:24.1 Minuten) und Mark Arendz (Kanada, +28,4 Sekunden). Maier, der sich wie Cai und Arendz eine Strafminute einhandelte, landete 43,2 Sekunden hinter dem Sieger. „Der eine Schießfehler ist ärgerlich, aber das kann passieren und gehört dazu im Biathlon. Dass es trotzdem zu Bronze gereicht hat, ist umso schöner“, sagte der 26-Jährige, der sich das Rennen nach erst kürzlich überstandener Krankheit gut einteilte.
Der Bundestrainer Ralf Rombach nannte Maiers Leistung „sensationell gut“. Der Bronzemedaillen-Gewinner selbst war in Gedanken bei seiner Mutter. Die war im Dezember 2025 nach schwerer Krankheit gestorben. Papa Florian trug auf der Tribüne im Tesero Skilanglauf-Stadion ein Foto von ihr bei sich. „Sie wollte so gerne hier dabei sein und mich live laufen sehen. Das hat leider nicht geklappt. Die zwei Medaillen sind für sie“, sagte Marco Maier.
Alexander Ehler (SV Kirchzarten) und Steffen Lehmker (WSV Clausthal-Zellerfeld) belegten bei den Männern stehend die Plätze elf und 13. Die beiden deutschen Starter mit Sehbehinderung, Nico Messinger (Ring der Körperbehinderten Freiburg, mit Guide Robin Wunderle) und Lennart Volkert (PSV München, mit Guide Nils Kolb) hielten läuferisch mit der Konkurrenz gut mit, leisteten sich aber zu viele Schießfehler. Messinger verfehlte fünf Scheiben und wurde Achter, Volkert kam nach sieben Fehlern auf Rang zehn. Bei Johanna
Recktenwald fließen die Tränen
Die deutschen Frauen mit Sehbehinderung hingegen steuerten auch am zweiten Wettkampftag eine Medaille zum deutschen Konto hinzu. Im Sprint war dafür Leonie Walter (SC St. Peter, mit Guide Christian Krasman) verantwortlich gewesen, nun legten Johanna Recktenwald und Emily Weiss nach. „Das ist ein riesiger Traum, der in Erfüllung geht“, sagte Recktenwald. Basis ihres Erfolgs hinter Yue Wang (China, 34:57.9 Minuten, ein Fehler) und Simona Bubenickova (Tschechien, 36:43.9 Minuten, ein Fehler) war ein fehlerfreies Schießen. Die deutsche Weltmeisterin von 2025 im Para Biathlon-Einzel kam im Ziel auf eine Zeit von 37:05.2 Minuten. „Mega happy“ sei sie, berichtete Recktenwald und blickte mit zittriger Stimme zurück auf die vorherigen Paralympics vor vier Jahren und die damals knapp verpassten Medaillen. „Peking war eine super harte Zeit, auch danach noch. Dass es jetzt geklappt hat, ist super cool.“
Beim vierten Schießen machte es die in Freiburg lebende Saarländerin noch einmal spannend, als sie vor dem allerletzten Schuss einige Sekunden zögerte. „Da ging der Kopf an. Ich habe mir gedacht, dass der jetzt nicht daneben gehen darf. Ich war eigentlich die ganze Zeit im Ziel, habe mich aber nicht getraut abzudrücken. Zum Glück ist es dann gut gegangen.“ Emily Weiss verriet: „Ich habe sehr gezittert. Als Johanna getroffen hat, wusste ich, jetzt schaffen wir das.“ Walter und Krasman als Fünfte und Linn Kazmaier (SZ Römerstein, mit Guide Florian Baumann) als Sechste komplettierten das gute deutsche Mannschaftsergebnis.
Dem Team steht nun eine kleine Wettkampfpause bevor. „Wir verschnaufen einen Tag und bereiten uns auf die Langlauf-Wettbewerbe vor“, sagte der Bundestrainer Ralf Rombach. Am Dienstag folgt in Tesero der Klassik-Sprint, am Mittwoch das Rennen über zehn Kilometer ebenfalls in der klassischen Technik.
Foto: Daniel Kopatsch/VOIGT/DBS
