Paralympics 2026
Gefeiert wird in jedem Fall
2x Gold, 6x Silber und 5x Bronze holte das Nordic Paraski Team 2022 in Peking. Wie viele Medaillen werden es nun in Italien? Der Bundestrainer Ralf Rombach will keine Vorgabe machen. „Das Rennen ist in allen Klassen so offen wie selten“, sagt er.
Die letzte Prüfung vor seiner Paralympics-Premiere hatte für Theo Bold mit dem Sport nichts zu tun. Sie erwartete den noch 19-Jährigen (feiert am 11. März seinen 20. Geburtstag) am Montag an der Universität Freiburg – in Wirtschaftsinformatik. Für den Athleten mit Sehbehinderung vom WSV Isny blieb demnach wenig Raum für Ausblicke auf die Eröffnungsfeier am kommenden Freitag oder auf die Rennen im Para Biathlon und Para Skilanglauf vom 7. bis 15. März im Stadion von Tesero (Val di Fiemme), die den bisherigen Höhepunkt seiner sportlichen Laufbahn bedeuten werden.
Dem Bundestrainer Ralf Rombach kam das ganz gelegen. Der hatte seine 15 Sportlerinnen und Sportler plus sechs Guides bis Ende Februar zum ultimativen Vorbereitungslehrgang in Toblach (Südtirol) versammelt. „Es war ein sehr gutes Trainingslager“, sagt er: „Ich bin mit dem Leistungsstand aller sehr zufrieden.“ Im Anschluss jedoch empfahl Rombach seinem Team eine Auszeit für den Kopf, ein paar Tage in der vertrauten heimischen Umgebung möglichst weit weg von dem, was kommt. „Ich habe mir davon versprochen, dass alle nochmal Energie tanken können – ohne Gedankenspiele.“
Aussichtsreiche Perspektiven: Einige Anwärter auf Top-Platzierungen
Wenige Tage vor dem ersten Paralympics-Wettkampf, dem Biathlon-Sprint über 7,5 Kilometer am Samstag, und angekommen im Paralympischen Dorf von Predazzo, gilt es, den Schalter umzulegen. Schon lange ist das Team nicht mehr mit so vielen Athletinnen und Athleten zu den Paralympics gereist, die zumindest auf dem Papier gute Medaillenchancen haben. Nico Messinger (Ring der Körperbehinderten Freiburg), Johanna Recktenwald (Biathlon-Team Saarland) und Anja Wicker (MTV Stuttgart) gewannen Ende Januar in ihren jeweiligen Klassen den Gesamtweltcup im Para Biathlon, Messinger nur hauchzart vor dem Teamkollegen Lennart Volkert (PSV München). Bei den Männern in der stehenden Konkurrenz hat Deutschland in Marco Maier (SV Kirchzarten) und Sebastian Marburger (SK Wunderthausen) zwei heiße Anwärter auf Top-Platzierungen – Maier, bei den letzten Paralympics mit Doppel-Silber dekoriert, im Para Biathlon und Marburger in den Klassik-Rennen im Para Skilanglauf (Sprint am 10. März und 10 Kilometer am 11. März). Der 28-Jährige aus dem Kreis Siegen-Wittgenstein gewann in diesem Winter vier Weltcup-Rennen.
Hinzu kommen die Überfliegerinnen von Peking 2022 – Linn Kazmaier (SZ Römerstein, damals 1x Gold, 3x Silber, 1x Bronze) und Leonie Walter (SC St. Peter, 1x Gold und 3x Bronze), die auch dieses Jahr wieder vorne mitmischen wollen, wobei beide nicht völlig schwerelos nach Italien reisen. Linn Kazmaier, die in der Saison 2024/2025 lange pausierte und zuletzt im Dezember 2025 wegen einer hartnäckigen Erkältung kaum trainieren konnte, ist erst wieder auf dem Weg zu alter Form. Und Leonie Walter hat mit langwierigen Schulterproblemen zu kämpfen, die sie vor allem am Schießstand beeinträchtigen.
Den Bundestrainer macht die Vielzahl an Kandidatinnen und Kandidaten für Podiumsplätze stolz. Doch er denkt nicht daran, eine Rechnung aufstellen, zu wie vielen Medaillen es reichen könnte. Oder gar eine Vorgabe zu machen, wie viele es werden sollen. „Mein Wunsch ist es, dass wir an die Leistungen des bisherigen Winters anknüpfen. Dann sind wir konkurrenzfähig“, sagt er und geht gleichzeitig davon aus: die anderen Nationen werden auch konkurrenzfähig sein. Spannung ist seinen Erwartungen zufolge angesichts der Leistungsdichte an der Spitze garantiert. „Am Ende kommt es auf die Tagesform an.“
Ob erfahren oder Neuling – die Vorfreude ist riesig
Ebenfalls garantiert ist: Vorfreude und Aufregung sind spätestens seit den Übertragungen der olympischen Langlauf-Rennen aus Tesero mannschaftsübergreifend entfacht und werden in den nächsten Tagen noch steigen. Anja Wicker, für die es nach Sotschi 2014, Pyeongchang 2018 und Peking 2022 bereits die vierten Paralympischen Spiele sind, macht da Routine hin oder her keine Ausnahme. „Wir alle haben vier Jahre lang hart auf diese Momente hingearbeitet“, sagt die 34-jährige Stuttgarterin.
Auf Andrea Eskau (USC Magdeburg) warten sogar die neunten Paralympics; die 54-Jährige war bislang fünfmal im Sommer mit dem Handbike dabei und dreimal im Winter. Team-Oldie Alexander Ehler (SV Kirchzarten, 56) steht vor seiner dritten Teilnahme, Steffen Lehmker (WSV Clausthal-Zellerfeld) vor seinen zweiten; er ist über eine Wildcard des Weltverbands ins Aufgebot gerutscht. Neben Theo Bold feiert der Niederbayer Max Weidner (WSV-DJK Rastbüchl) seine paralympische Premiere. Kathrin Marchand (Skiclub Bayer Leverkusen) und Merle Menje (StTV Singen) sind zum ersten Mal im Winter dabei, haben aber schon paralympische Erfahrung aus dem Sommer. Marchand nahm sogar bereits zweimal als Ruderin an Olympischen Spielen teil – 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro. Sie wird damit als erste Frau weltweit bei drei unterschiedlichen Ausführungen der Spiele dabei sein.
Begleitet wird das Team von vielen Familienmitgliedern und Freunden, die die Chance der vergleichsweise kurzen Anreise nutzen. Es scheint, als wäre alles bereitet für ein unvergessliches Ereignis. Ralf Rombach wird in jedem Fall etwas zu feiern haben: Der Bundestrainer hat wie Theo Bold am 11. März Geburtstag.
Das deutsche Aufgebot für die Paralympics (Name, Alter, Geburtsort, Verein):
Frauen mit Sehbehinderung: Linn Kazmaier (19 / Nürtingen / SZ Römerstein, Guide: Florian Baumann / 24 / Nürtingen / SZ Uhingen), Johanna Recktenwald (24 / St. Wendel / Biathlon-Team Saarland, Guide: Emily Weiß / 22 / Freiburg / SV Kirchzarten), Leonie Walter (22 / Freiburg / SC St. Peter, Guide: Christian Krasman / 24 / Stühlingen / Ski-Club Schönwald)
Frauen sitzend: Andrea Eskau (54 / Apolda / USC Magdeburg), Merle Menje (21 / Mainz / StTV Singen), Anja Wicker (34 / Stuttgart / MTV Stuttgart)
Frauen stehend: Kathrin Marchand (35 / Köln / SC Bayer Leverkusen)
Männer mit Sehbehinderung: Theo Bold (19 / Velbert / WSV Isny, Guide: Jakob Bold / 21 / Essen / WSV Isny), Nico Messinger (31 / Freiburg / Ring der Körperbehinderten Freiburg, Guide: Robin Wunderle / 27 / Freiburg / SC Todtnau), Lennart Volkert (22 / Berlin / PSV München, Guide: Nils Kolb / 23 / Freiburg / SV Kirchzarten)
Männer stehend: Alexander Ehler (56 / Leninogorsk (KAZ) / SV Kirchzarten), Steffen Lehmker (37 / Uelzen / WSV Clausthal-Zellerfeld), Marco Maier (26 / Oberstdorf / SV Kirchzarten), Sebastian Marburger (28 / Frankenberg (Eder) / SK Wunderthausen), Max Weidner (36 / Passau / WSV-DJK Rastbüchl)
Der Zeitplan für die Wettbewerbe im Para Ski nordisch bei den Paralympics:
Samstag, 7. März: Para Biathlon-Sprint (7,5 km)
Sonntag, 8. März: Para Biathlon Einzelrennen (12,5 km)
Dienstag, 10. März: Para Skilanglauf-Sprint, klassisch Prolog (Qualifikation), Halbfinale und Finale (jeweils 0,8 km sitzend, 1,2 km für stehend und Sehbehinderung)
Mittwoch, 11. März: Para Skilanglauf 10 km, klassisch
Freitag, 13. März: Para Biathlon Sprint-Verfolgung Qualifikation und Finale (jeweils 2,4 km sitzend, 3,6 km stehend und sehbehindert)
Samstag, 14. März: Para Skilanglauf offene Staffel und Mixed-Staffel (jeweils 4x2,5 km)
Sonntag, 15. März: Para Skilanglauf 20 km, freie Technik
https://www.teamdeutschland-paralympics.de
https://www.olympics.com/de/milano-cortina-2026/paralympische-spiele
Foto: Ralf Kuckuck / DBS
