Paralympics 2026
Vom Rhein in die Loipe
14 Monate lang hat Kathrin Marchand eisern für Milano & Cortina trainiert und sich in jeder Abfahrt ins Risiko gestürzt. Nun steht die Kölnerin kurz davor, Sportgeschichte zu schreiben.
Wenn Kathrin Marchand über Johannes Høsflot Klæbo spricht, dann fällt ihr ein Wort ein: Schönheit. Nicht falsch verstehen: Sie meint damit nicht die äußeren Reize des sechsfachen Goldmedaillen-Gewinners der Olympischen Spiele 2026, sondern seinen Laufstil. Wie der norwegische Superstar die schweren Strecken von Tesero (Val di Fiemme) meisterte, wie unverkrampft und locker er beispielsweise den knüppelharten Zorzi-Anstieg hochrannte, das imponierte ihr.
Kathrin Marchand hat Klæbos Auftritte aufmerksam verfolgt, um sich möglichst viel von ihm abzuschauen. Und um sich möglichst viel von den Strecken einzuprägen, auf denen auch sie demnächst unterwegs sein wird. „Visuelles Lernen“ nennt die 35-Jährige das. Zu erwarten, sie würde ihre Konkurrenz auch nur ansatzweise so dominieren wie Klæbo und dabei so geschmeidig dahingleiten, wäre unangemessen – angesichts der Tatsache, dass sie im Prinzip erst seit 14 Monaten Skilanglauf betreibt.
Moment, denkt da so mancher. Weniger als eineinhalb Jahre auf Skiern und schon bei den Paralympics dabei? Dann kann es ja nicht so schwer sein, sich zu qualifizieren. Kathrin Marchand hat diese Kommentare in den vergangenen Wochen häufig gehört. Doch wer so denkt, verkennt mindestens zweierlei: die physische Grundverfassung der Vollblutsportlerin und ihren eisernen Willen.
Ein Leben für den Leistungssport
Physis und Wille führten Marchand zweimal als Ruderin zu den Olympischen Spielen – 2012 in London und 2016 in Rio de Janeiro. Physis und Wille führten sie nach ihrem 2021 im Alter von 30 Jahren erlittenen Schlaganfall zurück zum Leistungssport und als Para Ruderin zu den Paralympics 2024 in Paris. Physis und Wille führten sie Ende 2024 zum Para Skilanglauf – und nun zu den Paralympics 2026 in Norditalien. Sie wird die erste Frau sein, die bei drei unterschiedlichen Ausführungen der Spiele dabei sein wird; der Niederländer Jeroen Straathof war der erste und einzige Mann, der eine ähnliche Geschichte zu erzählen hat. Er fuhr 1994 als Eisschnellläufer und 2004 als Radsportler zu Olympia und dazwischen im Jahr 2000 als Tandem-Pilot eines sehbehinderten Radsportlers zu den Paralympics.
Kathrin Marchand hat ihren sporthistorischen Moment auch Rainer Kiefer zu verdanken. Der Freiburger Sportpsychologe ist Leiter des Projekts Exzellenzcluster Ausdauer, das neue Perspektiven aufzeigt. Para Winter-Sportlerinnen und -Sportlern lernen eine Sommersportart kennen und umgekehrt. Kiefer schlug Marchand Skilanglauf vor. Er begleitete sie bei ihren ersten Schritten auf Skirollern und vermittelte sie an die Nationalmannschaft im Para Ski nordisch. Das Trainerurgestein Werner Nauber, ein Meister der Grundlagenvermittlung, nahm sie im Trainingslager im italienischen Livigno unter seine Fittiche.
Es begann für Marchand ein Wettlauf gegen die Zeit. Gemächlichkeit ist nicht ihr Ding. Mal reinschnuppern in den neuen Sport, sich langsam zu verbessern, Kraft in der Ruhe suchen – das wollte sie nicht. Sie wollte schnelle Fortschritte oder es wieder lassen. „Ich bin zu alt, um mir das drei Jahre lang anzuschauen und dann erst anzugreifen.“ Sie stürzte sich ins zuweilen zwiespältige Vergnügen. Stürzte sich tatsächlich. Auf den ersten Videoaufnahmen, die sie selbst vollkommen uneitel in den sozialen Netzwerken veröffentlicht hat, stolpert sie mehr als sie läuft. Doch das änderte sich rasch, dank intensivstem Einsatz und viel Einzeltraining mit dem Bundestrainer Ralf Rombach und seinen Co-Trainern Michael Huhn und Ulrich Zipfel. „Ich bin ihnen sehr dankbar. Sie haben sich megaviel um mich gekümmert.“
Respekt von der Topfavoritin
Aus heutiger Perspektive lässt sich konstatieren: Sie hat den Wettlauf gegen die Zeit gewonnen. Haushoch. Sie hat sich selbst, den anfangs skeptischen Bundestrainer und ihre Konkurrenz überzeugt. Als Kathrin Marchand bei ihrer Weltcup-Premiere Anfang Februar 2025 bei der Paralympics-Generalprobe in Val di Fiemme aufschlug und sofort Vierte im Klassik-Sprint der Frauen stehend wurde, raunte ihr die Siegerin Vilde Nilsen „Du wirst nächstes Jahr verdammt gefährlich sein“ zu.
Das Lob kam aus berufenem Munde. Die 25-jährige Norwegerin ist bereits zwölffache Weltmeisterin, in diesem Winter gewann sie den Gesamtweltcup mit mehr als 200 Punkten Vorsprung. Kathrin Marchand hat alles dafür getan, dass Nilsens Prognose Wirklichkeit wird. Während der Rest der Nationalmannschaft im Sommer Kondition auf dem Rad und mit dem Handbike bolzte, fuhr sie aus ihrer Kölner Heimat fünfmal quer durchs Land, um für mehrere Tage in der Skisporthalle in Oberhof (Thüringen) ihre Lauftechnik zu verbessern. „Ich habe dadurch einen Riesensprung gemacht“, sagt sie.
Die Ergebnisse stimmten. Bei den diesjährigen Weltcups im Januar und Anfang Februar in Finsterau (Bayerischer Wald) und Jakuszyce (Polen) erreichte sie in den Klassik-Rennen die Plätze fünf, vier und zwei. Selbst in der weniger geliebten Skating-Technik erreichte sie einen für sie völlig überraschenden vierten Rang. Trotzdem hätte sie gern noch größere Sprünge gemacht – nicht in puncto Resultate, sondern für ihr Gefühl auf Skiern. Kurz vor Ende des finalen Trainingslagers vor den Paralympics fühlte sie sich, „als würde ich auf den letzten Drücker für eine Klausur lernen“.
Die Abfahrten sind der Knackpunkt
Vor allem an den Übergängen von den Anstiegen in die Abfahrten und an ihrer Sicherheit in den Abfahrten hätte sie gern noch gefeilt. Denn die Abfahrten sind der Knackpunkt bei ihr. Seit ihrem Schlaganfall ist ihre linke Körperhälfte eingeschränkt. Ihr Sichtfeld ist auf beiden Augen um ein Drittel reduziert. Das erschwert die Koordination. „Schnelle Bewegungen liegen mir gar nicht.“ Und auch auf die Konzentrationsfähigkeiten hat sich der Schlaganfall ausgewirkt. Wenn dann tiefer Schnee oder das beim hektischen Sprint übliche Athletinnengewirr im Renngeschehen hinzukommen, wird es noch schwerer. „Betrachtet man allein ihr Fitnesslevel und stimmen die Bedingungen, kann sie vorne mitmischen. Aber im Infight beim Sprint können sich Situationen für sie entwickeln, die nicht vorhersehbar sind“, sagt der Bundestrainer Ralf Rombach.
Das zeigte sich beispielsweise beim Weltmeisterschaftssprint im vergangenen Jahr in Trondheim. Marchand lag klar auf Finalkurs, kam dann jedoch am Ende einer Abfahrt ins Straucheln und schied aus. Das ist ihr im Gedächtnis geblieben. Doch Bangemachen gilt nicht. „Natürlich kratzt jeder Sturz am Selbstbewusstsein. Ich will trotzdem immer mutig da runterfahren, denn wenn ich es langsam mache, hole ich höchstens eine Holzmedaille“, sagt sie. Ohnehin gilt für sie: Die Bedingungen, ob nun extern oder körpereigen, sind nun mal, wie sie sind. „Andere in meiner Startklasse können dafür nicht mit zwei Stöcken laufen.“
Für Leverkusen in Italien
Ernst wird es für Kathrin Marchand am 10. und 11. März. Dann steigen im Tesero Skilanglauf-Stadion der Klassik-Sprint und der Wettkampf über zehn Kilometer ebenfalls in der klassischen Technik – die Rennen, in denen sie gern eine paralympische Medaille holen würde, eine echte, keine metaphorisch-hölzerne. Da reicht ihr jene aus Paris 2024, als sie im Para Rudern mit dem Mixed-Vierer Bronze um 0,06 Sekunden verpasste.
Auch diese wohl bitterste sportliche Erfahrung hat sie in positive Energie umgesetzt. Im September 2025 gewann sie mit Valentin Luz im Mixed-Doppelzweier der Klasse PR3 WM-Gold in Weltbestzeit. Nun weiß Kathrin Marchand: Sie hat auch in Val di Fiemme eine Chance aufs Podium – „wenn alles passt“. Trotzdem findet sie es schade, dass bei Olympischen und Paralympischen Spielen so viel auf Medaillen fokussiert wird. „Ich bin schon superstolz, mich überhaupt qualifiziert zu haben. Ich werde nicht traurig sein, wenn es nicht klappt.“ Denn dann – und es ist typisch für ihren Ehrgeiz, für ihre Liebe zum Sport, dass sie das sagt – „habe ich ja 2028 in Los Angeles bei den nächsten Sommer-Paralympics wieder eine Chance.“
Im Para Rudern startet Kathrin Marchand für den RTHC Bayer Leverkusen. Im Para Skilanglauf tritt sie für den Skiclub Bayer Leverkusen an, der seine Geschäftsstelle direkt neben dem RTHC hat. Eigentlich hat der Skiclub seinen Schwerpunkt im alpinen Bereich. Nun könnte eine Läuferin Schlagzeilen für ihn schreiben – eine Langläuferin vom Rhein. Sie werde, berichtet sie, häufig gefragt, wie jemand mit derart starken Wurzeln in Köln zu diesem Sport käme. Ihre Antwort: „Es hat sich eben so ergeben. Und warum eigentlich auch nicht?“
Foto: Christian Bruna/VOIGT
