Paralympics 2026

Vor allem genießen

Sebastian Marburger gewann vier von fünf Klassik-Rennen des Para Skilanglauf-Weltcups 2025/2026. In Tesero gilt der 28-Jährige als klarer Medaillenkandidat. Unter Druck setzen lassen will er sich nicht.

Sebastian Marburger beim WM-Sprint 2025 in Trondheim, Foto: Christian Bruna/VOIGT

Kopf leeren, durchatmen, Energie sammeln – das hat sich Sebastian Marburger (SK Wunderthausen) zuletzt zur Aufgabe gemacht. „Ich habe in der Vergangenheit die Erfahrung gemacht, dass es mir guttut, wenn ich mich vor großen Wettkämpfen drei, vier Tage komplett rausnehme und nicht auf Skiern stehe“, sagt Marburger, der just vor einem großen Wettkampf steht, dem größten genaugenommen, den der Sport für Menschen mit Behinderung bereithält: den Paralympics, die am kommenden Freitag mit der Eröffnungsfeier in der historischen Arena di Verona beginnen.

Nach dem finalen Vorbereitungstrainingslager in Toblach (Südtirol) verzichtete der 28-Jährige deshalb auf das Angebot, an dem schneeverwöhnten Ort zu bleiben, der nur rund zweieinhalb Autostunden vom Olympischen und Paralympischen Dorf in Predazzo (Val di Fiemme) entfernt liegt. Er kehrte noch einmal in die Heimat Bad Berleburg zurück. „Ich will nicht überpacen, sondern in meiner bestmöglichen Verfassung in meine Rennen gehen.“ Nicht völlig ausblenden kann Marburger die Aufregung, die ihn erfasst hat. Eine Aufregung, die verständlich ist angesichts seiner Geschichte.

Glorreicher Start und schneller Aufstieg

Vor vier Jahren, vor den bislang letzten Paralympics, dachte Sebastian Marburger nicht im Traum daran, 2026 in Norditalien dabei zu sein. Der Westfale war bis zur U23 ein sehr guter Langläufer; er nahm an Rennen im Deutschlandpokal und im Continental Cup des Skiweltverbands FIS teil. 2020 musste ihm nach einem Motorradunfall das rechte Bein amputiert werden. Dass er mit einer Prothese Sport, geschweige denn Hochleistungssport, würde betreiben können, glaubte er nicht. Der deutsche Para Ski nordisch-Bundestrainer Ralf Rombach bestärkte ihn. Und Marburger begann zu glauben.

Eine nicht unwesentliche Rolle spielte dabei der 29. Januar 2023. Bei den Weltmeisterschaften im schwedischen Östersund stellte ihn Rombach als Startläufer der offenen 4x2,5 Kilometer-Staffel auf. Marburger setzte sich schnell an die Spitze – zum Erstaunen der Konkurrenz, die ihn nicht auf dem Zettel gehabt hatte. Er übergab als Dritter. Am Ende holte Deutschland Gold. Das war der Anfang. Ende 2024 gewann Marburger in Vuokatti (Finnland) erstmals ein Para Weltcup-Einzelrennen.

Er siegte damals im Klassik-Sprint, der seitdem seine Spezialdisziplin ist. Auch beim Testwettkampf für die Paralympics vor einem Jahr in Val di Fiemme war er Sprint-Schnellster. Doch in diesem Weltcup-Winter brillierte er auch über die zehn Kilometer klassisch. Vier Rennen gab es in diesem Format, Marburger hat sie alle gewonnen.  „Ich habe zuletzt viel dafür getan, in den Distanzläufen konkurrenzfähig zu werden“, sagt er. Das ist mehr als gelungen und unterstreicht seine Qualitäten. Der Sprint von Finsterau (Bayerischer Wald) Mitte Januar war das einzige Saisonrennen in der klassischen Technik, in dem er nicht triumphierte, sondern „nur“ Dritter wurde. Den Gewinn des Gesamtweltcups 2025/2026 bei den Männern stehend verpasste er nur, weil ihm beim Weltcup-Finale in Jakuszyce (Polen) eine Lebensmittelvergiftung ereilte.

Bei Olympia genau hingeschaut

Was bedeutet das nun für seine Paralympics-Aussichten, für die beiden Klassik-Rennen im Sprint und über zehn Kilometer? „Der Druck wird extrem hoch sein“, vermutet er. Viele erwarten eine Medaille von ihm, er selbst auch – am liebsten wäre ihm eine goldene. „Dieses Ziel hat jeder.“ Doch er weiß: Dafür muss vieles zusammenkommen. Und nicht alles liegt in seiner Macht. Wird es warm und der Schnee weich, wie Mitte März in Italien zu befürchten ist, wird es herausfordernd. „Dann“, sagt der Bundestrainer, „kann er den Ski an der Prothese nur schwer kontrollieren.“ Und herausfordernd sind die Strecken in Tesero ohnehin; das haben zuletzt die Olympischen Spiele gezeigt, die Marburger aufmerksam verfolgte, voller Vorfreude und Respekt. „Du musst eine gute Technik finden, um diesen echt harten Zorzi-Anstieg sicher und schnell hochzugehen und dann musst du die Abfahrten ohne Sturz überstehen“, sagt er.

Die Jagd nach einer Medaille – das ist ihm wichtig, das betont er mehrfach – soll das generelle Erleben nicht überlagern, das Dabeisein, das dem olympischen und paralympischen Motto zufolge schon alles ist. Diese Spiele erleben zu dürfen, empfindet er als Privileg. „Ich will alle Eindrücke aufsaugen.“

Für dieses Privileg hat er in den vergangenen Monaten hart gearbeitet. Hart, wenngleich still und leise, wie es seine Art ist; Sebastian Marburger ist keiner, der sich in den Vordergrund drängt. Seit November 2025 erhält er eine Förderung des Bundes aus dem Modul „Duale Karriere Invidual“ (DK-I); er gilt zudem als Kandidat für eine Stelle beim Zoll, dessen Zoll Ski Team Leonie Walter, Anja Wicker, Marco Maier und Nico Messinger aus der Para Ski nordisch-Nationalmannschaft bereits angehören. Seinen Job als Groß- und Außenhandelskaufmann hat Marburger gekündigt. Sein voller Fokus gilt dem Sport. Er trainierte auf den geliebten, heimischen Loipen rund um Wunderthausen (Kreis Siegen-Wittgenstein), FIS-zertifiziert und mit reichlich Höhenmetern gesegnet. Er fuhr außerdem häufig zum Bundesstützpunkt nach Freiburg im Breisgau und zu Lehrgängen im In- und Ausland.  „Ich konnte alles viel besser koordinieren als früher“, betont er.

Kraft aus der Niederlage ziehen

Gearbeitet hat er auch viel im mentalen Bereich, was seinen Ursprung im letzten Großereignis hat, an dem er teilnahm: den nordischen Ski-Weltmeisterschaften 2025 mit ihrem integrierten Para WM-Sprint. Vor Tausenden Zuschauern im norwegischen Trondheim ging der Erfolgsverwöhnte als Mitfavorit an den Start und konnte im Finallauf sein hohes Anfangstempo nicht durchhalten. Am Ende wurde er Fünfter – und ärgerte sich im Ziel sichtlich über sich selbst.

„Ich habe an diesem Tag Fehler gemacht, die ich hätte vermeiden können“, sagt er im Rückblick. „Aber ich habe gesehen, dass es auch nach so einem Erlebnis weitergeht, dass es immer wieder eine neue Chance gibt zu glänzen.“ Die Paralympics 2026 werden die nächsten Chancen liefern, aber längst nicht die letzten. Egal, wie es in Val di Fiemme laufen wird: Sebastian Marburger hat noch viel vor.

Foto: Christian Bruna/VOIGT

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